Freitagabend ging es in der neuen Ohrelandhalle im Training zum ersten Mal für 45 Minuten auf die Bahn. Was sich relativ lange anhört, war in Wirklichkeit sehr knapp bemessen. Die erste Viertelstunde gehörte der Formation SKATE THAT, die ihr 5-minütiges Programm zweieinhalb Mal durchlaufen konnte. Nach dem ersten Schrecken über den leicht wippenden und rutschigen Boden kamen die 16 Läuferinnen und Läufer zum Ende ihrer Trainingseinheit immer besser mit den Verhältnissen zurecht. Fast alles funktionierte wie gewohnt, Trainer Maik Purrmann war zufrieden, ermahnte seine Sportler allerdings für den folgenden Sonnabend noch mehr Selbstbewusstsein an den Tag zu legen. Die verbleibenden 30 Minuten waren grade genug, um alle vier Solotänzerinnen ihre jeweils beiden Pflichttänze und die Kür trainieren zu lassen. Für die Tänzerinnen war der rutschige Boden deutlich schwieriger zu laufen, nach dem Training waren die Sportlerinnen alles andere als zufrieden, konnten aber von ihrer Trainerin Annika Bode für den kommenden Tag wieder motiviert und aufgerichtet werden.
Nach einer kurzen Nacht im Hotel begann der Samstagvormittag mit den Pflichttänzen. Den Anfang macht Vanessa Rohrmoser in der Altersgruppe Schüler A mit einem Kleinen Walzer und Denver Shuffle. Sie trat gegen sechs weitere Läuferinnen an und lag nach den Pflichttänzen an der 2. Position. Kim Julia Jensen, die in der Altersklasse Jugend Walzer und Vierzehner darbot, ließ ihre fünf Konkurrentinnen hinter sich und führte souverän. Alina Sack musste sich im größten Teilnehmerfeld von 10 Starterinnen in der Junioren Klasse mit einem Blues und einem Tango behaupten und erreichte einen guten 4. Platz. Julia Purrmann präsentierte in der Meisterklasse Walzer und Paso Doble und lag nach ihren ersten Auftritten auf Rang 2, knapp vor ihrer schärfsten Konkurrentin Nina Vesper aus Ronsdorf.
Erst nach den Pflichttänzen wurde die Deutsche Meisterschaft von offizieller Seite eröffnet. Diese etwas längere Unterbrechung tat den Solotänzerinnen augenscheinlich sehr gut. Vanessa, mit 13 Jahren die jüngste Läuferin der Delmenhorster, überzeugte mit ihrem freien Programm (OSP), lief einen sehr schönen, sauber gesetzten Paso Doble und wurde mit der besten Wertung in ihrer Altersklasse belohnt. Nach Platz 2 in den Pflichttänzen folgerichtig Platz 1 im OSP. Beide Teile sind zu 50% gewichtet und da ihr Vorsprung im OSP deutlich ausfiel, konnten die Delmenhorster das erste Mal über den Titelgewinn jubeln und Vanessa ihre erste Deutsche Meisterschaft gewinnen.
Nächster Wettbewerb, nächster Titelgewinn: Als vorletzte Starterin präsentierte Kim als OSP eine Samba, die die Zuschauer von den Stühlen riss. Die gut 200 Zuschauer waren mehr als begeistert und zum ersten Mal an diesem Wettkampftag wurde es richtig laut in der Halle. Es war auf den ersten Blick klar, dass die Bewertung mit Abstand die Höchste war und so kannte die Freude der 40 Delmenhorster über die zweite Goldmedaille keine Grenzen.
Alina Sack verpasste einen Platz auf dem Treppchen leider knapp. Trotz fehlerfreier Kür und eines guten Auftritts verlor sie noch einen Platz, wurde am Ende 5., konnte sich aber nach der ersten Enttäuschung über ihre Leistungssteigerung im Vergleich zum Vorjahr freuen.
Für Julia Purrmann hieß es ihren 2. Platz zu verteidigen, da die sehr gute Erstplatzierte Jasmina Nonkovic aus Kiel nach den Pflichttänzen fast uneinholbar führte. Julia absolvierte ihre bisher beste Kür und konnte durch starken Ausdruck und schwieriges Schrittmaterial überzeugen. Die Drittplatzierte Nina Vesper gefiel mit ihrer eigenwilligen Kür überhaupt nicht, die dritte Medaille für die Del-menhorster und mit Rang 2 die bisher beste Platzierung für Julia waren perfekt.
Kim und Vanessa qualifizierten sich schon nach dem ersten Wettkampf des Jahres für den Europa-Cup, der im November in Paris ausgetragen wird. Weitere Nominierungen können im Laufe des Jahres noch folgen, hierauf wird in den nächsten Monaten intensiv trainiert werden.
Zwischenzeitlich zeigten diverse Show-Gruppen ihr Können und man gewann den Eindruck, dass dieser Bereich des Rollkunstlaufens immer mehr an Attraktivität verliert. Die Großen Gruppen, in denen die Delmenhorster vor Beginn ihrer Formationszeit mehrere Deutsche Meisterschaften gewinnen konnten, geraten mehr und mehr zu einer Randerscheinung. In diesem Jahr trat nur noch eine Gruppe an und zeigte ein eher fragwürdiges Programm ohne Weiterentwicklung seit den letzten Jahren. Vor diesem Hintergrund war die Entscheidung, 2004 in den stark besetzten Formationswettbewerb zu wechseln, genau richtig, kann sich hier die Delmenhorster Formation doch mit starken Gegnern messen und um internationale Startplätze kämpfen.
Genau dies war das Ziel der letzten Entscheidung des Tages. Nachdem sich auf den Weltmeisterschaften in Rom bereits zwei deutsche Mannschaften für die Europameisterschaften direkt qualifizieren konnten, war noch eine Fahrkarte nach Spanien zu vergeben. Im Rahmen eines Sichtungslaufens trat die Formation SKATE THAT gegen zwei Teams aus Kiel und Hanau an und ging als erste Formation auf die Fläche. Es war endlich der überzeugende Auftritt der 16-köpfigen Mannschaft. Zu Musik von Robbie Williams stieg die Stimmung in der Halle zum zweiten Mal am Nachmittag stark an, die Delmenhorster liefen befreit und selbstbewusst auf und zeigten in ihrem etwas mehr als 5 Minuten langem Programm, warum sie im vergangenen Jahr die Startberechtigung für die WM erhalten hatten. Die nachfolgende Formation aus Kiel leistete sich einen Sturz und war mehrmals ungenau, hier zeigte sich, dass das neue Programm noch nicht richtig austrainiert war. Als letztes ging die Formation aus Hanau an den Start und präsentierte ein gleichmäßiges, aber technisch schwächeres Programm, das die Zuschauer eher verhalten aufnahmen. Direkte Wertungen gab es keine, so dass nun, während die Kunstlauf-Kommission tagte, die Zeit des Wartens begann. Nach etwa einer Stunde wurden die Trainer hinzu gebeten um sich der Kritik zu stellen. Den Delmenhorstern wurde nicht nur technisch die beste Darbietung bescheinigt; allerdings bekam das Team aus Hanau den Vorzug. Natürlich war die Enttäuschung bei den Aktiven groß, aber wichtiger als die Nominierung waren letztendlich die Gewissheit einen sehr guten Eindruck hinterlassen zu haben und das gute Gefühl einer exzellenten Vorstellung. Dieses Gefühl wird die Delmenhorster während ihrer Vorbereitung auf die nächsten Meisterschaften begleiten, so dass das neue Ziel, die erneute WM-Qualifikation, erreicht werden kann.
Keno Stutz